200 Jahre Salzburg bei Österreich: Was heißt schon Liebe?

von Wilfried Haslauer
28.12.2015


Zu Beginn dieser Publikation über eine (angebliche) „späte Liebe“ steht das Innehalten in einem Jubiläumsjahr: 2016 jährt es sich zum 200. Mal, dass Salzburg nach annähernd 500 Jahren Selbstständigkeit und einem turbulenten Jahrzehnt napoleonischer Wirren zu Österreich kam – oder kam Österreich zu Salzburg? Es ist die Geschichte einer Annäherung im Herzen Europas zwischen einem kleinen selbstständigen Staat (Salzburg) und seiner Bevölkerung und einem imperialen Reich (Kaisertum Österreich) mit seiner Haupt- und Residenzstadt Wien. Es ist die Erzählung von unterschiedlichen Kulturen, Lebensbedingungen und Sichtweisen, des Bevormundens, der Emanzipation, des aufeinander Zugehens, auch der Entfremdung, vor allem aber des Zusammenwachsens in guten und schlechten, ja manchmal sehr schlechten Zeiten.

Was ist Salzburg, was ist Wien?

Wien dominiert Österreich als für die Größe unseres Staates überdimensional große Hauptstadt, die Menschen, die in dieser großen Stadt arbeiten, leben in der Fehleinschätzung, sie würden Österreich ausmachen (obwohl in den Bundesländern außerhalb Wiens fast 80 % der österreichischen Bevölkerung leben!) und alles andere wäre eben nur „Provinz“. Wien wird aus ihrer Sicht mit Österreich verwechselt, das trifft die anderen Bundesländer, vor allem Salzburg mit seiner Jahrhunderte währenden staatlichen Selbstständigkeit, ins Mark. Aus Wiener Sicht, aus Sicht der Bundesregierung, der Zentralstellen, der Medien, die in Wien sozialisiert und (überwiegend) herausgegeben werden, beklagt man die Macht der Bundesländer und die störrischen Landeshauptleute. Die Bundesländer bekämpfen den Zentralismus und beklagen das Unverständnis gegenüber den von einer Großstadt abweichenden Lebensbedingungen. Bei allem gemeinsamen Stolz auf Österreich, auf unsere gemeinsame Geschichte, unsere sportlichen Erfolgen, auf die gemeinsame Kultur, den österreichischen Lebensstil gibt es doch große Unterschiede zwischen Salzburg und Wien.

Was prägt die Menschen am meisten? Über eine längere Zeitspanne wohl vermutlich das Klima und die Geografie. Bei Wien wird man hier an den pannonischen Raum denken müssen. Dass dies nicht nur eine rein geografische Bezeichnung darstellt, sondern auch ein bestimmtes regionales Naturell ausmacht, liegt auf der Hand. Nehmen wir den Wein als Synonym für ein bestimmtes Klima, was durchaus mehrdimensional verstanden werden kann. Dieser Raum und dieser Menschenschlag sind von der Donauachse geprägt, von der Öffnung nach Osten hinein in die ungarische Tiefebene und die kleinen Karpaten und darüber hinaus. Diese Offenheit nach Norden, Osten und Süden erzeugte über die Jahrhunderte im Wienerraum als dem Zentrum eines Imperiums eine ethnische und kulturelle Gemengelage, die großartige Leistungen von Weltgeltung in Kunst und Wissenschaft hervorbrachte.

Wien also ist anders! Das weiß man, allerdings: Salzburg auch! Das Land an der Salzach präsentiert sich einerseits als ein klimatisch begünstigtes, nach Westen, Norden und Osten offenes Alpenvorland und andererseits als die Landschaft des Innergebirgs mit seiner höheren Lage und seinen deutlich raueren inneralpinen Klimazonen. Salzburg ist seit jeher aufgrund seiner Lagegunst am Schnittpunkt der Ost-West- und der Nord-Süd-Achse ein geradezu logisches regionales Zentrum.  Aus weit in die Geschichte zurückreichenden keltischen Siedlungsinseln, römischer Restbevölkerung und bajuwarischen Zuwanderern entwickelte sich mit der Zeit eine ethnisch-kulturelle Mischung, die sich von jener rund 300 Kilometer weiter östlich doch deutlich unterscheidet: Verwandtschaftliche Verflechtungen, kleinräumliche Wanderungsbewegungen, Brauchtum, regionale Dialekte und Wirtschaftskontakte schufen schließlich eine eigene Salzburger Identität: Selbstbewusst, bodenständig, traditionsbewusst, punktuell aufgeschlossen, kunstsinnig, geschäftstüchtig, naturverbunden und zum Widerspruch neigend. Man trinkt hier eher Bier als Wein. Die Jahrhunderte lang währende geistliche Landesherrschaft in Verbindung mit Salz- und Bergbau, sowie reger Handelstätigkeit führte dazu, die Stadt Salzburg zu einer Architektur- und Kunstmetropole auszubauen – Kultur in all ihren Facetten spielt in Salzburg bei breiten Gesellschaftsschichten eine weitaus höhere Rolle als sonst wo. Die Landstände, Adel und Bürger, sowie ein freier Bauernstand kamen nie so recht auf, was letztlich sehr spät zu einem eigenen Salzburger Landebewusstsein führte; vermutlich in Abgrenzung zum habsburgischen Wien aus einem allgemeinen Niedergang heraus durch eine langsame emotionale Wiederaufrichtung, die in erster Linie eben auf dem Feld der Kultur stattfand (besonders wichtig die Errichtung der Mozart-Statue 1842).

Was für ein Anachronismus: Das vom kaiserlichen Österreich im Frieden von München am 14.4.1816 eingehandelte (und um den Rupertigau, sowie die Tiroler und sonstigen Besitzungen verkleinerte) Salzburg, das zunächst von Oberösterreich aus verwaltet wurde, hat das wachsende Landesbewusstsein der zentralistischen Bevormundung Salzburgs durch das kaiserliche Wien zu verdanken.

Zwei Charaktere oder: Eine Verdachtslage

Alles was aus Salzburg kommt, steht unter dem Verdacht des Eigenbrötlertums, alles was aus Wien kommt steht überhaupt unter Generalverdacht. Wir wollen unsere Angelegenheiten selbst regeln, Wien will sie uns vorschreiben, warum eigentlich?

Die Unterschiede liegen auf der Hand: Von den Lebensbedingungen einer Millionenstadt abweichende Lebensbedingungen in einem Flächenbundesland, noch dazu mit einer so vielfältigen und fordernden Topographie wie Salzburg; Selbstorganisation (etwa Freiwillige Feuerwehr, auf Freiwilligkeit aufgebautes Rotes Kreuz, etc.) da, Berufsorganisationen in denselben Bereichen dort; Verwurzelung über Jahrhunderte in den Dörfern und Tälern bei uns, die Millionenstadt als melting pot dort; die Identität eines Gebirgsbewohners einerseits und die (auch befreiende) Anonymität der Großstadt andererseits; Verbundenheit mit der Natur da, das Fitnessstudio-Lifestyle-Leben dort; Naturkatastrophen als jährlich wiederkehrende Herausforderung, denen die Großstadt nur Verkehrschaos entgegenzusetzen hat; das prägend Katholische gegen Bindungslosigkeit; das Bajuwarische gegen die Vielfalt eines mittel- und zentraleuropäischen Kulturraumes; mit störrischem Selbstbewusstsein gegen imperiale Überheblichkeit; Verschlossenheit und Misstrauen gegen die offensive Leutseligkeit; Geradlinigkeit gegen „Man kennt wen, der wen kennt“; Tracht gegen Frack; Eigentum gegen Miete; erster Stock gegen Mezzanin; kernige Gebirgsdialekte gegen wunderbaren Wiener Sprachwitz

Kann es bei so viel Unterschiedlichkeit noch Platz für „Zuneigung“ (um nicht das Wort Liebe zu strapazieren) geben, finden wir auch Gemeinsamkeiten? Natürlich, Mozart, die Liebe zur Musik, die Lebensfreude, die Begeisterung am Zeremoniell, „a schöne Leich“ gibt es in Wien, die würdevollen Begräbnisse in Salzburg am Land sind Weltkulturerbe-verdächtig, die Festesfreude, die Freude an zusammenschweißenden nationalen sportlichen Erfolgen, die gemeinsame Sprache, die uns voneinander unterscheidet, oder der pragmatische Zugang („Wir werden keinen Richter brauchen“) zur Lösung von Problemen.

Nicht Wien, Österreich ist das Thema!

In Wahrheit geht es nicht um Salzburg und Wien, sondern um Salzburg und Österreich. Immerhin waren es die Österreichischen Bundesländer, die zweimal (1918 und 1945) die Republik gegründet haben, was von ihr undankbarer Weise immer wieder vergessen wird! Wien steht nun einmal als Synonym für die Republik, für die zentralen Bundesstellen, die arme Bundeshauptstadt muss all das Fett abbekommen, was an Unzufriedenheit mit Maßnahme der Bundesregierung und ihrer Bundesdienststellen auftaucht. Da haben es die Länder leichter, weil der Unmut der Bundesregierung sich auf neun Bundesländer verteilen muss. Unser Hauptproblem: All jene, die aus den Bundesländern nach Wien kommen, werden mit der Zeit die ärgeren Zentralisten als jene, die dort schon aufgewachsen sind. Es geht also in Wahrheit um Salzburg in Österreich, um eines von neun Bundesländern, um Nachbarschaft.

Vielleicht sind 200 Jahre Salzburg bei Österreich auch eine gute Gelegenheit, darauf hinzuweisen, dass diese kleine Republik im Herzen Europas aus neun Bundesländern besteht, mit all ihren Unterschiedlichkeiten, ihren geschichtlichen, sozialen, kulturellen Besonderheiten, aber dass diese Bundesländer eines leben, was den emotionalen Erfolg von Demokratie und Politik ausmacht: Nähe! Nähe zu den Bürgern, Nähe zu den Problemen vor Ort, Nähe in kurzen Entscheidungswegen und damit Rücksichtnahme auf Unterschiedlichkeiten, die eine Zentralverwaltung schlicht und einfach nicht bewältigen kann.

Vielleicht ist dieses Jubiläum aber auch eine gute Gelegenheit, eigene Positionierungen zu hinterfragen, grotesk anmutende Zuständigkeiten (etwa im Jugendschutz und in anderen Bereichen) zu hinterfragen, ob diese in einem doch überschaubaren Staat wie Österreich noch zeitgemäß sind, auch über das Lokalkolorit gelegentlich hinauszutreten und die Frage zu stellen, was ist denn unsere Gemeinsamkeit, wie können wir denn unsere gemeinsame Republik besser dabei unterstützen, die Angelegenheiten dieses Staates effizienter, bürgernäher, zeitgemäßer und kostengünstiger zu gestalten. Aber auch umgekehrt: Was kann die Bundesebene tun, um die Bundesländer zu unterstützen, die ihnen zugewiesenen Aufgaben bestmöglich zu erfüllen, ohne sie mit Zentralisierungstendenzen und „grauem Finanzausgleich“ zu behindern.

Eines macht Mut: In Österreich sagt ein Salzburger stolz, dass er Salzburger ist und ein Wiener freut sich, aus Wien zu kommen. Doch im Ausland, in der Welt sagen wir alle: Wir sind Österreicher und auch Europäer - und wir brauchen uns dafür nicht zu schämen!

Dieser Beitrag ist eine gekürzte Fassung eines Artikels von Landeshauptmann Dr. Wilfried Haslauer mit dem Titel „Was heißt schon Liebe? Eine Betrachtung.“, erschienen in der  Sonderpublikation Nr. 259 des Salzburger Landes-Medienzentrums (Salzburg – Wien: Eine späte Liebe. 200 Jahre Salzburg bei Österreich, herausgegeben von Karin Gföllner, Oskar Dohle und Franz Wieser, 2016, 216 Seiten, 190 Abbildungen, Preis 14.90 Euro, ISBN 978-3-85015-287-7).



Informationen zu Wilfried Haslauer

Dr. Wilfried Haslauer ist Landeshauptmann von Salzburg. Foto: Land Salzburg

haslauer@salzburg.gv.at


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