Corona-Immunität als entscheidende Ressource: Der Weg zurück in die Normalität

von Reiner Eichenberger, Rainer Hegselmann und David Stadelmann
30.03.2020


Infolge der Corona-Krise leben wir im Ausnahmezustand. Aber wir wollen dringend in die Normalität zurück. Dazu braucht es eine robuste Exit-Strategie. Eine derartige Strategie ist insbesondere dann robust, wenn sie kein weltweites gemeinsames Handeln erfordert, sondern von einzelnen Gebietskörperschaften (z.B. Bundesländern, autonomen Regionen) oder auch Kleinstaaten (z.B. Liechtenstein) ohne vorherigen internationalen Schulterschluss erfolgen kann.

Manche verlieren derzeit die Hoffnung. Aber gerade mit der Ausbreitung der Krankheit wachste eine entscheidende Ressource zur Bewältigung der Krise. Diese Ressource sind die Corona-Immunen. Diese Ressource muss effektiv eingesetzt, dafür intensiv gesucht sowie gefunden werden. Wie geht das?

Corona-Immunität als Ressource

Allgemein anerkannt ist, dass der Krankheitsverlauf in vielen Fällen milde ist. Oft treten keine oder fast keine Krankheitssymptome auf (asymptomatischer Krankheitsverlauf). Die vollständige Genesungswahrscheinlichkeit ist für viele Menschen hoch, insbesondere für jüngere und für jene ohne Vorerkrankungen. Wer die Erkrankung überstanden hat, ist nach derzeitigem Kenntnisstand weitgehend immun. Die Wahrscheinlichkeit, innerhalb einiger Jahre ein zweites Mal am exakt gleichen Virus zu erkranken und die Krankheit weiter zu geben, ist im Vergleich zu einer Ersterkrankung klein.

Bereits heute gibt es Menschen, die mit Corona infiziert waren und nun immun sind. Sie sind durch ihre Immunität die wertvollste Ressource im Kampf gegen Corona. Diese Ressource wächst über die Zeit mit der steigenden Zahl der Erkrankten. Je größer der Bestand an bereits Immunen wird, desto geringer ist die Gefahr für ältere und vorerkrankte Mitbürger, desto geringer ist auch die Gefahr einer Überlastung des Gesundheitswesens und eines gesellschaftlichen Zusammenbruchs. Dies erlaubt auch eine schrittweise Rückkehr in die Normalität für alle anderen. Die Ressource ist bereits heute viel größer als wir wissen: Alle diejenigen sind immun, die infiziert wurden, die Erkrankung dann aber, ohne sie zu bemerken, überwanden und sich nie testen ließen.

Immune einsetzen: Immune Menschen können wieder für alle Tätigkeiten eingesetzt werden und können allen sozialen Kontakten wie gewohnt nachgehen. Insbesondere können sie in der Alten- und Krankenpflege eingesetzt werden, ohne dort die besonders anfälligen Menschen zu gefährden. Der möglichst schnelle und umfassende Einsatz der Immunen ist deshalb aus volksgesundheitlicher, volkswirtschaftlicher und gesamt­gesellschaftlicher Perspektive sinnvoll. Ihr Einsatz ist für eine Rückkehr unserer Gesellschaft in die Normalität unabdingbar.

Um ihre Leistungskraft voll zu nutzen, müssen Immune sich wieder frei und ohne Angst bewegen können. Dafür müssen sie zum einen selbst sicher wissen, dass sie immun sind, und die anderen Menschen müssen sie von Nicht-Immunen unterscheiden können. Deshalb brauchen sie ein verlässliches Immunitätszertifikat über nachgewiesene Antikörper. Dieses Immunitätszertifikat dient ihnen als eine Art „Passierschein in die Normalität“ und zertifiziert den Wert der Ressource. Solche Zertifikate sollten nicht nur einheimischen Immunen erhalten. Auch immune Ärzte und Pfleger aus China und natürlich den schon stark betroffenen europäischen Ländern sollten entsprechend zertifiziert werden. Länder wie Italien und Spanien werden bald über große Bestände an Immunen verfügen, die andere Länder dringend brauchen. Immunitätszertifikate müssen nicht notwendigerweise von einer internationalen oder europaweiten Behörde ausgestellt werden. Einzelne Gebietskörperschaften wie Bundesländer oder autonome Regionen können selbständig Immunitätszertifikate ausstellen und damit schrittweise Restriktionen auch für alle anderen Bevölkerungsgruppen reduzieren. Besonders interessant könnte die Ausstellung von Immunitätszertifikaten für gutorganisierte und verlässliche Kleinstaaten sein. Sie könnten sie nicht nur für ihre getesteten und immunen Bürger ausstellen sondern auch für Ausländer.

Immune suchen: Wie andere wertvolle Ressourcen müssen Corona-Immune intensiv gesucht werden. Dazu braucht es breit angelegte Tests. Dabei geht es aber nicht nur darum, Virusträger zu identifizieren um die Gesellschaft zu schützen. Es geht darum, dass Genesene helfen können, die Gesellschaft zu retten. Zum einen können mit Tests auf Viren derzeit infizierte Personen erfasst werden, von denen man dann weiß, dass sie rund zwei Wochen nach der Infektion und wieder abgeklungenen Symptomen immun sind. Zum anderen können mit Tests auf Antikörper insbesondere Menschen gefunden werden, die nie getestet wurden, aber infiziert waren, keine Krankheitssymptome hatten und nun bereits immun sind. Sie wissen von ihrer Immunität bislang nichts. Da die Testkapazität heute trotz schnellem Wachstum noch gering ist, muss vorerst in Infektions-Hotspots gezielt nach Immunen gesucht werden. Über die Zeit müssen immer bessere Tests flächendeckend eingeführt und weltweit nach Immunen gesucht werden, die dann als immun zertifiziert werden.

Immune finden: Das Finden von bereits immunen Personen wird durch das Immunitätszertifikat massiv erleichtert. Wer zertifiziert immun ist, muss nicht nur keine Angst vor Corona haben, sondern kann wieder einem normaleren Leben nachgehen. Das setzt systematisch Anreize für gesunde Menschen, die vielleicht infiziert waren,  aktiv nachzudenken, ob sie möglicherweise nicht doch leichte Krankheitssymptome hatten, wie zum Beispiel Geruchs- und Geschmacksverlust. Eine enge und aktive Kooperation mit den Behörden zum Erhalt des Immunitätszertifikats ist für sie besonders lohnend. Gleiches gilt für Kranke mit milden Symptomen, die sich derzeit aus Stigmatisierungsangst nicht melden.

Bis es entweder eine wirklich effektive Behandlung oder eine Impfung gibt, werden die bereits Immunen die entscheidende Ressource im Kampf gegen Corona sein. Das gilt auch dann, falls die heutigen Maßnahmen der Regierungen wegen ihrer gesellschaftlichen Kosten oder einer geänderten Einschätzung der Gefährlichkeit von Corona gelockert werden[1]. Denn Corona ist sicher für ältere und gesundheitlich vorbelastete Menschen sehr gefährlich. Immune als Ressource zu verstehen ist entscheidend. Der sofortige Einsatz dieser Ressource erlaubt einen geordneten Weg zurück in die Normalität und einen schrittweisen, allgemeinen Abbau der derzeitigen Maßnahmen zur Verhinderung der Ausbreitung des Virus für alle.

Unnötige Ängste

Wie bei jedem ungewohnten Vorschlag gibt es Fragen und Bedenken. Hier sind einige davon und unsere Gegenargumente.

„Flächendeckende Tests sind nicht möglich und teuer“ – Die Produktion, Bereitstellung und Durchführung von Tests ist nicht primär ein gesundheitliches Problem. Es ist eine ökonomische Managementaufgabe, die gelöst werden kann. Unternehmen versorgen uns täglich mit viel komplexeren Produkten als Immunitätstests. Im Vergleich zu gesamtgesellschaftlichen Schäden der Corona-Krise sind selbst flächendeckende und vielfach wiederholte Tests enorm günstig.

„Immunität ist nicht 100% sicher“ – Derzeit ist davon auszugehen, dass Immunität sehr wahrscheinlich ist. Auch Peter Doherty, der den Nobelpreis für die Entdeckung bekam, wie das Immunsystem von Viren infizierte Zellen erkennt, geht davon aus, dass man die Krankheit nicht zweimal bekommen kann[2]. Doch selbst wenn Immunität nicht vollständig und dauerhaft sein sollte, ist es vorteilhafter auf Personen mit teilweiser Immunität (z.B. in der Altenpflege) zu setzen, als auf solche ohne jegliche Immunität.

„Es darf nicht sein, dass sich so viele Menschen anstecken. Die Krankheit muss vollständig eingedämmt werden“ – Es ist unwahrscheinlich, dass sich Corona vollständig eindämmen lässt. Die Infektionswelle kann verlangsamt, geglättet und so gestreckt werden, um das Gesundheitssystem zu entlasten. Dadurch kann zwar die Mortalität direkt durch Corona gesenkt werden. Aber mit andauernden Einschränkungen wachsen die Schäden durch die Beschränkung der wirtschaftlichen und persönlichen Freiheiten schnell an. Falls die Infektionswelle wider Erwarten praktisch gestoppt werden kann, droht bei Aufhebung der Einschränkungen eine weitere starke Infektionswelle, da es ja dann kaum Immune gäbe.

„Manche Menschen werden sich bewusst anstecken, um dann immun zu sein“ – Das spricht nicht gegen unseren Vorschlag für Immunitätszertifikate. Es zeigt nur, wie dramatisch die jetzige Situation ist. Wenn die Menschen lieber eine Krankheit haben als den derzeitigen gesellschaftlichen Zustand, dann ist der derzeitige Zustand so schlecht, dass er möglichst schnell zu beenden ist.

Aufgrund dieser Überlegungen erachten wir es als zentral, Immune als gesundheits-politische, und ökonomisch wertvolle Ressource zu verstehen. Der weltweit effiziente Einsatz, die Suche und das Finden dieser Ressource sind gesamtgesellschaftlich von höchster Bedeutung.

 

Dieser Beitrag erweitert die folgende Publikation vom  21. März 2020: Eichenberger, R., Hegselmann, R. & Stadelmann, D. (2020). "Corona-Immunität als entscheidende Ressource: Der Weg zurück in die Normalität", Beiträge zur aktuellen Wirtschaftspolitik No. 2020-03, Center for Research in Economics, Management and the Arts (Schweiz), online: http://www.crema-research.ch/bawp/2020-03.pdf

 


[1] Die Zahl der asymptomatischen Fälle oder jener mit sehr milden Symptomen dürfte aufgrund einer Untererfassung um ein Vielfaches höher liegen, als die Zahl der gemeldeten Fälle. Das Robert Koch Institut schätzt die Anzahl an tatsächlich Infizierten (symptomatische, milde und asymptomatische Fälle) um einen Faktor 20 bzw. 11 höher als derzeit angegeben Fallzahlen https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges_Coronavirus/Steckbrief.html#doc13776792bodyText7). In einem Artikel von Antony Fauci, dem Direktors des „National Institute of Allergy and Infectious Diseases“ der USA im “New England Journal of Medicine” wird vermerkt, dass die gesundheitlichen Folgen von COVID-19 aufgrund der asymptomatischen, nicht registrierten Fälle letztlich ähnlich einer schweren Influenza oder einer pandemischen Influenza (wie in den Jahren 1957 und 1968 für die USA) sein könnte (vgl. Fauci et al. 2020, https://www.nejm.org/doi/full/10.1056/NEJMe2002387). Bereits seit 19 März klassiert die britische Regierung COVID-19 nicht mehr als „high consequence infectious diseases (HCID)“ für das Vereinigte Königreich. Insbesondere stünden mittlerweile mehr Informationen über die (insgesamt niedrigen) Mortalitätsraten zur Verfügung zur Verfügung (https://www.gov.uk/guidance/high-consequence-infectious-diseases-hcid).

[2] https://www.abc.net.au/news/2020-03-22/doubt-over-contracting-coronavirus-covid-19-twice/12075878 (Zugriff am 22. März 2020)



Informationen zu Reiner Eichenberger

Reiner Eichenberger ist Professor für Theorie der Finanz- und Wirtschaftspolitik an der Universität Freiburg (Schweiz) und Forschungsdirektor von CREMA Schweiz (Center for Research in Economics, Management, and the Arts)



Informationen zu Rainer Hegselmann

Prof. Dr. Rainer Hegselmann ist Professor für Philosophie an der Frankfurt School of Finance & Management (Deutschland).



Informationen zu David Stadelmann

Prof. Dr. David Stadelmann ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Bayreuth und Research Fellow bei CREMA Schweiz (Center for Research in Economics, Management, and the Arts). Seine Forschungsschwerpunkte liegen unter anderem in der politischer Ökonomie und der politischen Repräsentation.

david.stadelmann@uni-bayreuth.de


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