Fünfdreiviertel BHs und 150 Jahre Konzentration

von Stefan Mayer
19.03.2019


Warum Pfleger früher nicht im Seniorenheim arbeiteten und heute Hauptmänner die Verwaltung übernommen haben, was zwei Gerichtssteine im Wald verloren haben, warum Polizisten nicht auf den Salzburger Bürgermeister hören dürfen und warum es immer weniger Bezirksgerichte gibt, wird in einem Artikel der Serie „Salzburger Grenzfälle“ erläutert*.

Nur aufmerksame Wanderer werden im städtischen Gaisbergwald und im Ursprunger Moor einen der beiden Salzburger Dreigerichtssteine entdecken und ins Grübeln kommen, was sie mit der Verwaltungsgliederung in Salzburg zu tun haben. In der Tat markieren sie das Aufeinandertreffen alter Gerichtsbezirke, denn Salzburg wurde einst nicht nur von Erzbischöfen regiert, sondern von Pflegern und Landrichtern verwaltet. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts waren es in seinen heutigen Grenzen ganze 27 an der Zahl.

Alte und aktuelle Dreifachgrenzen im Wald

Beim Grenzstein zwischen Oberjudenberg und Gersbergalm knapp oberhalb der heutigen Gaisbergstraße stießen das Stadtgericht Salzburg und die Pflegegerichte Neuhaus (die gleichnamige Burg am Kühberg ist heute in Privatbesitz) und Glanegg aufeinander. Der zweite Stein markiert heute noch das Grenzdreieck der Gemeinden Seekirchen am Wallersee, Anthering und Elixhausen. Zuvor hatten hier die Pfleggerichte Neuhaus sowie Alten- und Lichtentann und das Landgericht Anthering einen gemeinsamen Punkt. Außerdem endet genau an dieser Stelle die bereits fertige 380-kV-Leitung und wartet auf Fortsetzung nach Süden.

Von den Pfleggerichten unterschieden sich die Landgerichte nur dadurch, dass sie zwar Todesstrafen verhängen, aber die Exekutionen nur dort durchführen lassen durften, wo eine Burg vorhanden war. Das war dem damit verbundenen Menschenauflauf geschuldet und nur in den Pfleggerichtsgebieten der Fall. Viele Namen ehemaliger Pfleggerichte wirken aus der Zeit gefallen, Burgen wie Hüttenstein oder Lichtentann liegen heute als bescheidene Steinhaufen weitab vom Schuss.

„Hauptleute“ als Verwalter

„Salzburg hatte das rückständigste Strafrecht in ganz Europa, die peinliche Befragung war bis Ende des geistlichen Reichsfürstentums 1803 gängige Verhörmethode“, weiß Bezirkshauptmann Reinhold Mayer zu berichten. Seine Funktion beinhaltet einen militärischen Rangtitel, nur bei der Bezirkshauptfrau hat man zur zivilen Bezeichnung gegriffen. Anno 1868, als im ganzen Kaiserreich die Bezirkshauptmannschaften als Verwaltungsnachfolger der alten Pfleg- und Landgerichte erfunden wurden, konnten Frauen allerdings noch nicht einmal vom Wahlrecht träumen, von akademischer Ausbildung ganz zu schweigen.

Die Gerichtsorganisation folgte alten Grenzen und Gepflogenheiten. So durften sich Generationen von Justizministern in den vergangenen anderthalb Jahrhunderten daran abarbeiten, Gerichts- und Verwaltungsbezirke wieder deckungsgleich zu machen. In Salzburg ist man fast am Ziel: Nur der Flachgau tanzt mit dem um einige Umlandgemeinden erweiterten Bezirksgericht Salzburg und je einem Bezirksgericht in Oberndorf, Neumarkt am Wallersee und Thalgau aus der Reihe. Noch. Denn es ist beschlossene Sache, dass die Flachgauer Gerichte ab 2020 unter ein gemeinsames Dach in Seekirchen kommen. Und – wie in alten Zeiten – Tür an Tür mit der bis dahin in die junge Stadt am Wallersee verlegten Flachgauer Bezirkshauptmannschaft.

Fünf Bezirke und eine Stadt mit Sonderstatus

Salzburg wird dann nur mehr sechs Bezirksgerichte haben. Der sechsten Bezirkshauptmannschaft, nämlich jener im Magistrat der Stadt Salzburg, fehlt die Sicherheitsbehörde zur Vollwertigkeit. Anders gesagt: Die Befehlsgewalt für die Polizei der Mozartstadt liegt nicht beim Bürgermeister, sondern beim Landespolizeikommando. Somit hat Salzburg recht betrachtet fünfdreiviertel Bezirkshauptmannschaften, BHs, wie sie keck im Verwaltungsjargon abgekürzt werden.

 

* Die Salzburger Grenzfälle versammeln Kuriositäten rund um die Grenzen Salzburgs und bilden eine aufschlussreiche Lektüre zu Geschichte, Landeskunde und Politik des Landes. Autor Stefan Mayer beschäftigt sich seit 2002 mit grenzfälligen Besonderheiten in und um Salzburg, die bereits vier Bücher füllen. Band 4 kann per E-Mail an landesmedienzentrum@salzburg.gv.at bzw. telefonisch unter +43 662 8042-2417 um 6,90 Euro bestellt werden. Digitale Versionen aller vier Bände stehen unter www.salzburg.gv.at/grenzfaelle zum kostenlosen Herunterladen zur Verfügung.

 

 



Informationen zu Stefan Mayer

Dr. Stefan Mayer (*1972), Redakteur und Sachbereichsleiter Internet im Medienzentrum des Landes Salzburg.

stefan.mayer@salzburg.gv.at


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