Ländlich-periphere Regionen und Innovation – ein Widerspruch?

von Jakob Eder
13.08.2019


 

In den letzten Jahren hat die regionale Ungleichheit in vielen Ländern zugenommen. Auch wenn es auf nationalstaatlicher Ebene teilweise eine wirtschaftliche Annäherung gibt, verlieren dennoch vor allem süd- und osteuropäische Länder an Bevölkerung, insbesondere im erwerbstätigen Alter. Aber auch in Westeuropa wachsen Metropolregionen häufig zulasten des ländlichen Raums. Oft wird dies der Innovationskraft dieser Zentren zugeschrieben. Ein kreatives Umfeld aus Hochschulen, gut ausgebildeten Arbeitskräften und spezialisierten Dienstleistern sorgt nach dieser Argumentation dafür, dass Städte Zuwandererinnen und Zuwanderer anziehen und in der Folge prosperieren. Aber ist diese räumliche Konzentration wirklich die Grundbedingung für Innovation?

Raumblinde vs. raumsensible Politik

Vor diesem Hintergrund sind ländlich-periphere Regionen zunehmend gefordert, diesen Kräften entgegenzuwirken und ebenfalls innovativ zu sein. In Österreich sind das vor allem inneralpine Bezirke mit einer Spezialisierung im Tourismus sowie Grenzregionen im Norden, Osten und Süden des Landes. In diesen ländlichen Räumen lassen sich verschiedene Peripherisierungsprozesse beobachten, wie Brain-Drain, die demographische Alterung, der Verlust von Arbeitsplätzen, oder das Fehlen von Ausbildungs- und Forschungseinrichtungen. Diese Prozesse treten dabei manchmal einzeln oder aber in Kombination auf, während manche anderen ländlichen Regionen kaum davon betroffen sind.

Dies zeigt, dass ländliche Regionen in Österreich sehr divers sind und vor höchst unterschiedlichen Herausforderungen stehen. Daher ist es wenig überraschend, dass eine Innovations- und Regionalpolitik, die auf den Erfahrungen aus florierenden Zentren basiert, dort selten zum Erfolg führt. Zu unterschiedlich sind die Voraussetzungen für scheinbare Patentrezepte und so führt die gleiche Maßnahme in Region A zu einem anderen Ergebnis, als in Region B.

Die Berücksichtigung dieser Diversität hat kürzlich auch in die EU-Kohäsionspolitik Eingang gefunden. Wurden in der Vergangenheit vor allem Einzelprojekte im Sinne des territorialen Ausgleichs unterstützt, sind in der aktuellen Förderperiode 2014-2020 regionale Spezialisierungen erforderlich, um EU-Gelder zu erhalten. Diese sogenannten Smart Specialization Strategies betonen dabei explizit die regionale Vielfalt und auch unterschiedliche Innovationsstrategien, sowohl in Branchen der Niedrig-, als auch in der Hochtechnologie. Dieser Ansatz soll folglich dazu führen, dass die Politikinstrumente in möglichst vielen Regionen wirksam sind und auf regionalen Stärkefeldern aufbauen. Somit ist das erklärte Ziel, von vereinfachenden Universalkonzepten zu einer raumsensiblen und erfolgversprechenderen Regionalpolitik zu gelangen.

Auch Standortvorteile

Durch Smart Specialization Strategies soll die regionale Wirtschaft gestärkt werden, vor allem durch die Schaffung von Arbeitsplätzen in innovativen Branchen, die auch für gut ausgebildete Arbeitskräfte interessant sind. Im Idealfall kann so der Brain-Drain in einer Region abgeschwächt oder gar gestoppt werden. Neben der Definition von regionalen Stärkefeldern sollten diese Strategien aber auch die spezifische Arbeitsweise und die Innovationsprozesse von Unternehmen in ländlichen Regionen berücksichtigen.

Auch in Österreich sind Weltmarktführer in ländlichen Regionen zu finden, die sich in einer Nische spezialisiert haben. Dazu zählen beispielsweise die Plansee Group (pulvermetallurgische Werkstoffe) in der Kleinstadt Reutte in Tirol, die knapp 7.000 Einwohnerinnen und Einwohner zählt. Oder TEST-FUCHS (Prüfstände für die Luftfahrtindustrie) in Groß-Siegharts im niederösterreichischen Waldviertel, einer Stadtgemeinde mit nicht einmal 3.000 Einwohnerinnen und Einwohnern. Neben sogenannten Hidden Champions trifft man aber auch immer wieder auf Startups oder Zweigstellen von Großunternehmen, die sich in diesen Regionen niederlassen. Dies ist bereits ein Indiz dafür, dass die gängige und einseitige negative Betrachtung des ländlichen Raums für Innovation zu kurz greift.

In der Tat geben innovative Unternehmen an, dass sie durchaus auch Standortvorteile in der Peripherie sehen. Erstens ist die Belegschaft sehr loyal, die Gefahr der Abwerbung von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und damit der Verlust von Wissen ist geringer. Zweitens sehen vor allem Großunternehmen einen Handlungsspielraum für Kooperationen in der Region, etwa durch die Abstimmung von Ausbildungsprogrammen mit HTLs oder FHs. Ebenfalls werden die politischen Entscheidungsträgerinnen und -träger auf regionaler Ebene meist als proaktiv und zuvorkommend beschrieben.

Weiters bieten ländliche Standorte zumeist Kostenvorteile. Die Preise für Grundstücke sind niedriger und das Lohnniveau ist geringer. Das erlaubt es manchen Unternehmen, F&E-Abteilung und großen Produktionsbetrieb am selben Standort in einem Hochlohnland wie Österreich zu unterhalten. Die Nähe zwischen Forschung und Produktion wird häufig als großer Vorteil betont. Und schließlich spielen auch sanfte Standortfaktoren eine Rolle, wie niedrigere Lebenserhaltungskosten oder die hohe Lebensqualität, die im Recruiting eingesetzt werden. Für manche Produkte ist ebenfalls ein gewisses Image einer Region im Marketing hilfreich.

Ausblick: Das Land als Innovationshub?

Innovative Unternehmen finden sich also durchaus auch in ländlichen Regionen Österreichs. Wie kann Innovation aber dazu beitragen, den ländlichen Raum nachhaltig zu stärken? Und wie kann die Politik dabei steuernd eingreifen? Einerseits kann eine maßgeschneiderte Smart Specialication Strategy helfen, die aktuelle und zukünftige Stärkefelder definiert, aber die Potentiale solcher Regionen dabei auch nicht überfordert. Eine Chance dafür liegt in der Verknüpfung von traditionellen und modernen Branchen, wie beispielsweise der Landwirtschaft und der Informationstechnologie. Durch die Kombination von Wissen, das auf den ersten Blick nicht in Beziehung zueinandersteht, können neue Produkte und Dienstleistungen entstehen.

Weiters muss die Politik für die notwendige Infrastruktur sorgen. Glasfaserleitungen stellen eine Grundbedingung dar, sind aber nur als Einzelmaßnahme zu sehen. Auch die physische Erreichbarkeit mit dem Auto oder der Bahn ist wichtig, um an Konferenzen und Messen teilhaben zu können sowie um Kundenbesuche zu ermöglichen. Dies darf auch in Zeiten des Internets nicht übersehen werden. Schließlich können auch gut mit den Bedürfnissen der Region abgestimmte Bildungseinrichtungen die Wissensintensität heben. Vermieden werden sollte es jedoch, dass junge Menschen eine Ausbildung erhalten, für die es keine Arbeitsplätze in der Region gibt. Eine HTL für Elektrotechnik ist beispielsweise nur dann sinnvoll, wenn diese Qualifikationen regional nachgefragt werden. Sonst bleibt den Absolventinnen und Absolventen meist nur der Wegzug.

Viele dieser Funktionen, wie eine gut ausgebaute Infrastruktur, die geographische Erreichbarkeit und Ausbildungseinrichtungen, werden in ländlichen Räumen durch Kleinstädte zur Verfügung gestellt. Diese übernehmen somit eine wichtige Ankerfunktion für ihr ländliches Hinterland, die Förderung der Kleinstadtentwicklung kann also auch für Multiplikatoreffekte darüber hinaus sorgen. Eine raumsensible Politik, die die Stärken einer Region kennt, die auf die Arbeitsweise sowie die Bedürfnisse innovativer und wachsender Unternehmen eingeht und die auch die notwendige Infrastruktur zur Verfügung stellt, bietet ländlichen Räumen vielfältige Chancen – aber dennoch keine Garantie für eine positive Entwicklung. Oft hängt es auch vom Zufall ab, ob sich ein innovatives Unternehmen ansiedelt oder wie es sich über die Zeit entwickelt. Die Politik kann und sollte deshalb dafür offen sein, dem Zufall möglichst viele Möglichkeiten zu bieten.

 

Literaturhinweis

Eder, Jakob (2019): Innovation ohne Agglomeration. Ländliche Regionen in Österreich und ihre Herausforderungen und Chancen für innovative Unternehmen. (= ISR-Forschungsberichte 48). Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften: Wien.

Link: https://verlag.oeaw.ac.at/innovation-ohne-agglomeration

 

 

 



Informationen zu Jakob Eder

Jakob Eder, MA ist seit 2016 Doktorand am Institut für Stadt- und Regionalforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. In seiner Dissertation beschäftigt er sich mit den Rahmenbedingungen für innovative Unternehmen in Österreichs ländlich-peripheren Regionen.

jakob.eder@oeaw.ac.at


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