Driftet die interregionale Entwicklung Österreichs auseinander?

von Sascha Sardadvar


Im Zuge des zunehmenden Innovationsdrucks auf fortgeschrittene Ökonomien wächst auch der Bedarf an qualifizierten Arbeitskräften. Österreich strebt an, zu den führenden Innovationsökonomien aufzuschließen und kann hinsichtlich der allgemeinen Humankapitalausstattung (= Ausbildungsniveau der Bevölkerung im arbeitsfähigen Alter) sowie der Investitionen in Forschung und Entwicklung beachtliche Erfolge aufweisen. Die interregionale Entwicklung seit 1971 zeigt jedoch ein interessantes Phänomen: Bis in die 1990er-Jahre glichen sich die interregionalen Unterschiede hinsichtlich der Humankapitalausstattungen an, seither steigen sie wieder. Im Detail zeigt sich außerdem eine tendenzielle Verlagerung der Humankapitalausstattungen von den westlichen in die östlichen Regionen. Langfristig können sich daraus Unterschiede hinsichtlich des ökonomischen Entwicklungspotenzials ergeben.

Der spätere Wirtschaftsnobelpreisträger Gunnar Myrdal hat bereits in den 1950er-Jahren – am Vorabend der Gründung der EG – gezeigt, dass sowohl dem Weltwirtschaftssystem wie einzelnen Ökonomien die Tendenz zur räumlichen Ungleichheit innewohnt. Neben Handels- und Investitionsflüssen beeinflusst v.a. Migration das Verhältnis von Zentrum und Peripherie: Junge, gut ausgebildete Arbeitskräfte wandern von der Peripherie ins Zentrum ab und stärken somit weiter die Position des Zentrums auf Kosten der Peripherie. Das gilt insbesondere innerhalb von Volkswirtschaften, da interne Migration üblicherweise nicht beschränkt wird. Dieses Thema wurde von Paul Krugman in den 1990er-Jahren – diesmal am Vorabend der Gründung der EU – aufgegriffen. Sein Hauptergebnis ist, dass zunehmende wirtschaftliche Integration die Tendenz hat, bereits bestehende Zentren zu stärken, da sowohl Produzenten wie Arbeitskräfte von der geografischen Nähe zueinander profitieren. Paul Krugman wurde u.a. für diese Arbeiten 2008 mit dem Wirtschaftsnobelpreis ausgezeichnet.

In der Wirtschaftsgeografie stellt das Wechselspiel von Migration und wirtschaftlicher Entwicklung seit jeher ein zentrales Forschungsinteresse dar. In diesem Sinn sind es mikroökonomische Entscheidungen, die zu bestimmten makroskopischen Ergebnissen führen. Dennoch spielt dieses Thema innerhalb der Mainstream-Ökonomie nur eine untergeordnete Rolle. Das Thema Migration wird im Kontext des Wirtschaftswachstums zumeist nicht einmal erwähnt. Wird Migration dennoch untersucht, so liegt das Forschungsinteresse zumeist auf den Auswirkungen der Einwanderung auf die Ziel-Ökonomien; nur selten werden die Auswirkungen der Auswanderung auf die Herkunfts-Ökonomien untersucht. Stattdessen fokussierte die wissenschaftliche Literatur in den 1990er- und 2000er-Jahren v.a. darauf, zu zeigen, dass interregionale und internationale Disparitäten abnehmen würden, d.h. rückständige Ökonomien wüchsen schneller als fortgeschrittene und holten so im Laufe der Zeit auf. Diese Ergebnisse basieren jedoch häufig auf kurzen Zeitausschnitten und lassen sich bspw. für die Entwicklung innerhalb der EU seit 2007 nicht replizieren.

Die interregionalen Disparitäten innerhalb Österreichs sind im europäischen Vergleich nicht besonders stark ausgeprägt. Das könnte sich ändern, wenn sich das Humankapital räumlich zunehmend konzentriert. Es ist nicht nur so, dass Wien als Magnet für hochqualifizierte Arbeitskräfte fungiert. Wie die Datenlage zeigt, hat sich die Verteilung des Humankapitals in den letzten Jahrzehnten insgesamt Richtung Ostösterreich verschoben. Insbesondere Regionen in ehemaligen Randlagen, die an die RGW-Staaten grenzten, wiesen in den 1970er-Jahren erhebliche Rückstande auf. Diese Regionen haben ihre Rückstände nicht nur wettgemacht, sie haben auch viele Regionen überholt. Demgegenüber sind Regionen in Westösterreich, insbesondere in Oberösterreich, Salzburg, Tirol und Vorarlberg, zurückgefallen. Das bedeutet nicht, dass die Regionen in diesen Bundesländern ihren Humankapitalbestand nicht erhöht hätten. Das geschah allerdings viel langsamer.

Die Ursachen dieser Entwicklung mögen auch in unterschiedlichen Vorgehensweise beim Ausbau sekundärer und tertiärer Bildungseinrichtungen liegen. Konzentriert man sich jedoch auf Faktoren vor Ort, so läuft man Gefahr, mobile Faktoren zu vernachlässigen, d.h. Menschen, die migrieren, um ihre persönlichen Verhältnisse zu verbessern. Es ist nicht auszuschließen, dass – im Sinne der zirkulären Verursachung, wie sie von Myrdal beschrieben wird – sich in Österreich ein Zentrum-Peripherie-Gefälle herausbildet, in dem der Einsatz fortgeschrittener Technologien und die Entwicklung innovativer Produkte und Prozesse überwiegend im Osten stattfinden, während sich technologisch weniger anspruchsvolle Branchen wie die Tourismuswirtschaft oder traditionelle Industrien im Westen konzentrieren. Der Osten würde dann immer mehr zum Standort von Produktion, welche qualifiziertes Personal benötigt, was wiederum qualifiziertes Personal anlockt, weil es dort bessere Arbeitsmöglichkeiten findet. Dieser Prozess kann durch die Ziele internationaler Migranten noch verstärkt werden.

Eine ausgeprägte Zentrum-Peripherie-Struktur bildet sich nicht über Nacht heraus, doch wenn sie einmal besteht, ist es sehr schwierig, sie zu überwinden. Wie die Beispiele Deutschland und Italien in unserer direkten Nachbarschaft zeigen, bleiben Entwicklungsunterschiede auf geografischer Ebene für Jahrzehnte oder noch länger bestehen. Ein wichtiger Grund, warum es süditalienischen und ostdeutschen Regionen so schwerfällt, wirtschaftlich aufzuholen, besteht in der permanenten Abwanderung junger, qualifizierter Arbeitskräfte. Eine Verschiebung der relativen Humankapitalausstattungen Richtung Ostösterreich wird aller Voraussicht nach auch Einfluss auf die wirtschaftliche Entwicklung in Österreich haben. Die gesamtwirtschaftlichen Auswirkungen können dabei durchaus positiv sein, da räumliche Nähe gerade in Branchen der Hochtechnologie positive Effekte hervorbringt. Es stellt sich jedoch die Frage, inwieweit man bereit ist, dafür eine Zunahme der interregionalen Disparitäten in Kauf zu nehmen.

 

Dieser Beitrag basiert auf den Ergebnissen folgender Artikel:

Sardadvar, S. (2016): Vertiefen sich die räumlichen Wohlstandsgefälle innerhalb der Europäischen Union? Wirtschaft und Gesellschaft 42, 281-301

Sardadvar, S. (2017): Die räumliche Verteilung des Humankapitals innerhalb Österreichs: Ursachen und Auswirkungen, WPZ Research Policy Brief 1/17

Sardadvar, S. und Hajji, A. (2016): The long run interregional distribution of human capital in Austria: what role for knowledge intensity of production? Mitteilungen der Österreichischen Geographischen Gesellschaft 158, 167-192

Sardadvar, S. und Reiner, C. (2017): Does the presence of high-skilled employees increase total and high-skilled employment in the long run? Evidence from Austria, Empirica 44, 59-89

 



Informationen zu Sascha Sardadvar

Sascha Sardadvar ist habilitierter Wirtschaftsgeograf und hat eine Reihe von Artikeln publiziert, die sich mit Migration und interregionaler Entwicklung auseinandersetzen. Kürzlich erschienen ist eine Studie über die Bedeutung natürlicher Ressourcen im Kontext innerrussischer Migration (The Annals of Regional Science: September 2017, S. 535-569). Sascha Sardadvar ist Senior Researcher bei WPZ Research Wien und lehrt an der Universität Wien, der Ferdinand Porsche FernFH, der IMC FH Krems und der Modul University Vienna.

sascha.sardadvar@wpz-research.com


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